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GeschichtenInterview

Der Landesarchäologe des Bundeslandes Hessen zum Erkenntnissgewinn durch Archäologie und den Beitrag zu gesellschaftlich relevanten Themen

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Vom Schutz verborgener Kulturdenkmäler - Interview mit Dr. Udo Recker (Teil 3)

Könnte man zumindest ab dem Mittelalter nicht auch einfach auf Schriftquellen zurückgreifen, um Erkenntnisse zu gewinnen?
Zwar hat das Mittelalter den Vorteil, dass wir oftmals ergänzend auf Schriftquellen zurückgreifen können, es wird jedoch häufig vergessen, dass man mit den Quellen auch immer kritisch umgehen muss. Nur weil etwas irgendwo geschrieben steht, heißt das ja nicht, dass es tatsächlich so war. Quellenkritik heißt auch, zu untersuchen, wer was in welchem Kontext geschrieben hat und vor allem mit welcher Absicht. Hinzu kommt, dass es keine lückenlose schriftliche Überlieferung gibt, sei es, dass Bestände im Laufe der Zeit verloren gegangen sind, sei es, dass bestimmte Informationen bewusst und unbewusst erst gar nicht schriftlich niedergelegt wurden. Nur auf Schriftquellen zurückzugreifen, ist also nicht ausreichend. Die klassisch hergebrachte Stadtforschung, die auf schriftlich festgehaltener Historie basiert und in vielen Fällen von kundigen Archivleitern aufrechterhalten wird, steht zuweilen mit den dinglichen Belegen der Archäologen im Widerspruch. Die über Jahre hinweg in Gießen tätigen Kollegen haben da ihre Erfahrungen gemacht, sie können ein ganz besonderes Lied davon singen. Der Gießener Markplatz beispielsweise war nicht immer dort …

Ach so?
Bei Grabungen im Bereich des heutigen Gießener Marktplatzes wurden umfangreiche Reste einer vormaligen Bebauung freigelegt. Der Platz war demnach nicht immer ein Platz und im Mittelalter ganz sicher nicht der Marktplatz der Stadt. In Gießen trägt der feuchte Untergrund glücklicherweise dazu bei, dass sich organische Reste in größerem Umfang erhalten haben, die an anderer Stelle längst vergangen sind. Holzfunde, darunter ggf. auch Pfahlgründungen, die auf frühere Bauten in feuchtem Grund hinweisen, lassen sich dendrochronologisch datieren, zuweilen bis auf ein Vierteljahr genau. Somit lassen sich Bau- oder Umbaumaßnahmen beispielsweise recht genau datieren. So auch in Gießen, wo der Marktplatz erst viel später zu einem solchen wurde. Im Mittelalter war er jedenfalls bebaut …

Welche Lücken könnte man denn in Hessen noch schließen?
Die ein oder andere gibt es da schon noch … Wir haben z.B. relativ wenig Erkenntnisse über die bronzezeitliche Besiedlung des Raumes. Gräberfelder aus dieser Zeit kennen wir, aber unmittelbare Erkenntnisse über die Siedlungen fehlen uns weitgehend. Das ist meiner Meinung nach ein Problem des Forschungsstands und nicht zwingend ein Überlieferungsproblem. Ich bin mir sicher, dass wir zahlreiche weitere Hinweise finden würden, wenn wir nur lange genug suchen könnten.

Wie sähe das denn in der Praxis aus? Ein Bauvorhaben eines großen Investors kann ja nicht jahrelang warten, bis der Archäologe endlich fertig ist und alles gefunden wurde?
Bei guter Planung und frühzeitiger Einbindung der Landesarchäologie muss das auch nicht der Fall sein. Es kommt zum einen immer darauf an, was wir im überplanten Gebiet für Funde erwarten, zum anderen was dort geplant ist. Wenn wir beispielsweise ein frühmittelalterliches Gräberfeld bergen müssen, dann arbeiten wir heute völlig anders als noch vor wenigen Jahren. Wir haben unsere Grabungstechnik in einem solchen Fall völlig verändert und sind nun verhältnismäßig schnell am eigentlichen Ort der Grabung. Dies liegt daran, dass wir die Grablegen draußen vor Ort – stark vereinfacht gesagt – fast nur noch in Form von Erdblöcken bergen und diese sachgerecht verpackt, um sie vor Austrocknung zu schützen, in unsere Restaurierungswerkstatt transportieren. Die eigentlich sehr aufwendige Ausgrabung der einzelnen Gräber findet also nicht mehr draußen vor Ort statt, sondern ohne Zeitdruck und unter Laborbedingungen in unserer Werkstatt in Wiesbaden. Während draußen vor Ort längst die Baumaschinen den Ton angeben, ermöglicht uns dieses Vorgehen eine qualitativ wesentlich hochwertigere Dokumentation und Freilegung der Befunde, als wir dies bei einem wartenden Bauvorhaben draußen vor Ort je bewerkstelligen könnten. Dabei kommen Techniken zur Anwendung, die man außerhalb der Werkstatt gar nicht zur Verfügung hätte. Der geborgene Block kann geröntgt werden oder es wird, wenn es notwendig erscheint, sogar ein CT angefertigt. Unsere Restauratorinnen wissen dadurch immer sehr genau, was sich wo in einem solchen Erdblock verbirgt, sodass sie sehr gezielt an die Freilegung herangehen können. Eine Grabung von wenigen Wochen vor Ort kann auf diese Weise eine jahrelange Fortsetzung in unserer Restaurierungswerkstatt finden.

Klingt ziemlich fortschrittlich. Wo bleibt denn da die Romantik?
Wir forschen ja mit dem Ziel der bestmöglichen Erkenntnis und weniger für die Romantik. Bei all dem Fortschritt kommt uns Archäologen dennoch das ein oder andere Lächeln über die Lippen, wenn es gelegentlich doch um eine eher unkonventionelle Herangehensweise oder einen so noch nicht beschrittenen Lösungsweg geht. Da wir aus Kostengründen über keinen eigenen Computertomographen verfügen, sind wir darauf angewiesen, dass sich z.B. im Umkreis niedergelassene Radiologen oder Krankenhäuser bereit erklären, entsprechende CTs für uns anzufertigen. Und da kann man dann doch immer wieder ins Schmunzeln geraten, wenn der Moment kommt, indem die Computerstimme den Erdblock auffordert: „Jetzt bitte nicht atmen.“

Der Archäologe schaut ja nun immer gern in die Vergangenheit. Was wäre denn ein archäologischer Zukunftsplan für Sie?
Wir als Archäologen sehen sehr oft, was im Laufe der Geschichte passiert ist, wie der Mensch darauf reagiert hat und was das dann wiederum für Konsequenzen hatte. Wenn ich mir die Entwicklung der Menschheit in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten so anschaue, dann muss ich einfach zu dem Schluss kommen, dass der Mensch leider nicht immer dazugelernt hat. So wiederholen wir in der Zeitgeschichte mitunter dieselben Fehler, die wir aus verschiedenen Perioden wieder und wieder kennen. Wir als Archäologen können daher eine Menge zu gesellschaftlich relevanten Themen beitragen.

Herr Dr. Recker, wir bedanken uns für das interessante Gespräch!

Vorheriger Teil der Artikelserie:
Vom Schutz verborgener Kulturdenkmäler - Interview mit Dr. Udo Recker (Teil 2)

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Veröffentlicht am 31.08.2018

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