Über Geschichten, die nicht aufgeschrieben wurden - Kloster Lorsch (Teil 2)
Wie haben die Menschen im 8. und 9. Jahrhundert in unserer Gegend gelebt? Archäologen und Anthropologen rekonstruieren anhand von Schriften und Ausgrabungsfunden das Leben im Frühen Mittelalter. Gelegenheit, ihre Annahmen zu überprüfen, haben sie jedoch nur selten. Das Experimentalarchäologische Freilichtlabor Lauresham gibt dazu einmalige Gelegenheit. „Es ist die idealtypische Re-Konstruktion eines karolingischen Herrenhofes“, erklärt Kropp auf dem kurzen Weg von der Königshalle nach Lauresham.
Ein solcher Hof war ein großer Betrieb, auf dem tagein, tagaus Ackerbau und Viehzucht sowie verschiedene Handwerke betrieben wurden. Zu erleben heute auf dem von Pfählen umgebenen Areal. Die hier beschäftigten „Labor-Bauern und -Handwerker“ betreiben experimentelle Archäologie: Sie pflanzen und hegen alte Getreidesorten, haben ursprüngliche – oft rückgezüchtete – Tierrassen nach Lorsch geholt und benutzen bei ihrer Arbeit Werkzeuge und Verfahren wie sie aus der Karolingerzeit überliefert sind. „Wir leiten aus den Funden und anderen Quellen über das Leben zu jener Zeit wissenschaftlich basierte Modelle ab. Dann erproben wir sie hier auf ihre Alltagstauglichkeit hin“, erklärt Kropp. Wie mühsam es sich mit einem mittelalterlichen Pflug arbeitet, wird offensichtlich – so stark das silbergraue Rätische Grauvieh davor auch ist. Lange habe es gedauert, bis der Acker mit den alten Mitteln bearbeitet werden konnte, erzählt der Mann am Pflug. Durch die schweren landwirtschaftlichen Geräte der Gegenwart war die Erde so verdichtet gewesen, dass die Krume nach und nach gelockert werden musste. „Heute kommt hier kein Traktor mehr drauf“, betont er.
Bewusst wir Lauresham nicht als Museum, sondern als Labor bezeichnet: Was auf den ersten Blick nostalgisch anmuten könnte, dient einem hohen wissenschaftlichen Anspruch, verbunden mit einem didaktischen Auftrag: In dem wenige hundert Meter vom Kloster entfernten Freilichtlabor können handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeitstechniken erprobt werden. Hier haben Wissenschaftler die rare Möglichkeit, über „Trial and Error“ ihre Theorien zu überprüfen. „Für die Wissenschaft ist das im Jahr 2012 eröffnete Labor wie ein Sechser im Lotto“, kommentiert Kropp. Von Werkzeugen und Utensilien aus Knochen und Metall gäbe es zum Teil gut erhaltene Funde. Während ein Hufeisen an einem mit Blasebalg belüfteten Ofen geschmiedet wird, führt der Wissenschaftler aus: „Dank der Ausgrabungen wissen wir, dass die Schmiedekunst bereits weit entwickelt war.“ Schlechter stehe es um Arbeitsmittel aus Holz. Sie seien – wie der Pflug – verrottet oder nur in Fragmenten erhalten. „Schon so manche Annahme über den Einsatz von Werkzeugen oder über die Architektur von Gebäuden musste revidiert werden, weil sie dem Praxistest in Lauresham nicht standhielt“, so Kropp.
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Veröffentlicht am 03.04.2018
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