Über Geschichten, die nicht aufgeschrieben wurden - Kloster Lorsch (Teil 1)
„Knochen erzählen die Geschichten, die nicht aufgeschrieben wurden“, sagt Claus Kropp. Der Leiter des Freilichtlabors Lauresham steht in der Zehntscheune, die vor rund 460 Jahren aus Steinen älterer Gebäude errichtet wurde und Lorsch als Lager des Zehnt diente – so hießen die Abgaben der Bauern an ihre Herren. Heute ist das imposante Gebäude als Schaudepot Teil des UNESCO Welterbes Kloster Lorsch. Im schwarz gehaltenen Innern entfalten einzeln angestrahlte Steinfragmente ihre Schönheit. Besonderer Blickfang ist die Ausstellung „Geschichte schöpfen – Quellen aus einem Brunnen“, die spektakuläre Funde aus einem alten Brunnen zeigt. Alles, was hier zu sehen ist, wurde auf dem Klostergelände ausgegraben. Weitere Funde verwahren die Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, zu denen das Kulturdenkmal an der hessischen Bergstraße, in einem wissenschaftlichen Depot unter dem Dach der Scheune.
Wie kaum ein anderer Ort zeugt Lorsch von dem klösterlichen und weltlichen Leben, das zur Zeit Karls des Großen begann. Claus Kropp gibt Zeitzeugen ein Gesicht, um den Alltag der karolingischen Hochphase vor Augen zu führen – im wahrsten Sinne des Wortes: Er zeigt die 3D-Gesichtsrekonstruktion eines Mönches, die auf Basis eines bei Grabungen gefundenen Schädels erstellt wurde. Während Kropp erklärt, wie aus Knochen mithilfe modernster Analysemethoden Rückschlüsse auf Aussehen, Gesundheitszustand und Lebensweise gewonnen werden, tritt er an einen Projektionstisch, der ein auf dem Klostergelände gefundenes Skelett zeigt. „Bei dem Benediktiner handelt es sich um einen typischen Schreibtischtäter“, erklärt der Archäologe zu dem Knochenfund. „Seine biologische Biografie passt in unser Bild über das klösterliche Leben, welche uns über die Benediktsregel und andere Quellen überliefert ist.“ So litt der Mönch mutmaßlich an Übergewicht, Arthrose und Rückenschmerzen, als er im Alter von circa 40 Jahren starb.
„Kloster Lorsch und Altenmünster“ lautet die offizielle Bezeichnung dieses Ortes, der 1991 als erster hessischer ins Verzeichnis der UNESCO-Welterbestätten aufgenommen wurde. Wenige Jahre nach der Gründung der frühen Abtei Altenmünster im Jahr 764 entstand in unmittelbarer Nähe die teilweise erhaltene Anlage, die Karl der Große zu seinen wichtigsten Reichsklöstern zählte. Bei der Weihe der Klosterkirche war er samt Familie und Hofstaat anwesend. Drei Bauten können Besucher des Klosters Lorsch heute noch sehen: ein Abschnitt der Klostermauer, die berühmte Königshalle, deren bunte Steinfassade weltberühmt ist, sowie ein Fragment der Nazarius-Basilika aus dem 11./12. Jahrhundert. Mit der Neugestaltung des Welterbes im Jahr 2014 fanden die Areale der frühen und der späteren Klostergründung eine landschaftsarchitektonische Verbindung.
Nächster Teil der Artikelserie:Über Geschichten, die nicht aufgeschrieben wurden - Kloster Lorsch (Teil 2)
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Veröffentlicht am 03.04.2018
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