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GeschichtenInterview

Der Direktor der Schlösserverwaltung über die Aufgabe, den Wissenshorizont zu erweitern

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Ich bin kein Schlossherr - Interview mit Karl Weber (Teil 2)

Sie haben der Frankfurter Allgemeinen in einem Interview einmal gesagt: „Wir müssen darauf reagieren, dass die Menschen immer weniger geschichtliches Vorwissen mitbringen.“ Wie sieht ihr Lösungsweg aus?
Das Wegdriften des Bildungshorizontes holt uns in der Tat gerade wirklich ein, wir dürfen allerdings auch nicht in eine unreflektierte Hektik verfallen, sondern müssen sehr klug an jedem unserer Standorte überlegen, was genau dort der beste Weg ist, also standort- und aufgabenbezogen in die Zukunft schauen und vorher immer sehr viel denken und Ideen sammeln.

Also weniger Gießkannenprinzip und mehr Einzelarbeit. Geben Sie uns ein Beispiel?
Wir wissen, dass unsere Gärten vom schönen Bild leben – wenn Sie so wollen von einer heilen Welt. Deshalb sind sie so beliebt. Sie sind Fluchtpunkte für die Menschen.
In den Schlössern hingegen müssen wir stärker Inhalte vermitteln. Sehen Sie, hier in Bad Homburg hatten wir ja die Sommerresidenz des Kaisers Wilhelm II. Und wir haben uns die Frage gestellt: Wie kann ich dessen Wirken in seiner Zeit und die Lehren daraus so transformieren, dass ich heute noch etwas daraus lernen kann, zu analysieren, wie er durch Zufälligkeiten und Addition von Automatismen in den Ersten Weltkrieg hineinstolperte und damit der Anfang des Desasters des 20. Jahrhunderts seinen Anfang nahm. Ich stelle mir dann auch die Frage: Kann man das, was damals in Verdun passiert ist, in irgendeiner Form vergleichen mit dem, was gerade in Syrien, Aleppo passiert?
Das sind grundsätzliche Gedanken, die nicht nur wir uns stellen, sondern ich glaube, eine Menge Leute da draußen suchen gerade nach Antworten. Ich sehe genau darin eine verantwortungsvolle und spannende Aufgabe unserer Museen.

Das ist bei der großen Anzahl an Schlössern und Gärten, für die Sie verantwortlich sind, sicherlich keine einfache Aufgabe. Nicht überall findet man weltpolitisch-spannende Themen …
Ich will Ihnen ein weiteres Beispiel geben: Wir haben in einem Schloss in Erbach im Odenwald – das Deutsche Elfenbeinmuseum –, dort lebte ein Fürst im späten 18. Jahrhundert innerhalb einer total verarmten Grafschaft. Als Teil seines Sozialprojektes brachte er seinen Bauern dann das Elfenbeinschnitzen bei und brachte sie damit in Lohn und Brot. Dieses Projekt wirkt bis heute nach, denn nach der Ächtung des Elfenbeines etablierte sich als Ersatzstoff der Kunststoff-Spritzguss, was wiederum Ursache für die Entwicklung der Kunststoffindustrie dort in der Gegend war. Das Museum in Erbach zeigt also, wenn Sie so wollen, mit der Elfenbeinausstellung auch die Ursachen für die Etablierung der Kunststoffindustrie im Odenwald.
Projekte wie die des Fürsten damals sind also ursächlich für die wirtschaftliche Entwicklung einer ganzen Gegend – und das über Jahrhunderte hinweg. Diesen Gedanken aufzugreifen, weiterzuführen und im Museum dann darzustellen ist enorm spannend, wichtig und erfordert viel Denkarbeit.

Wie steht es mit ausländischen Gästen, die ja zuhauf kommen, um unsere Kulturgüter anzuschauen? Ich habe das Gefühl, dass das Interesse des Auslands sogar noch größer ist als das der eigenen Bürger. Warum hadert der Deutsche so mit seinen Kulturgütern?
Ach, das ist eine wahnsinnig schwere Frage, die nur sehr komplex zu beantworten ist. Der Deutsche neigt in der Tat zu einem fast schon gestörten Verhältnis zu seiner Vergangenheit. Wir haben auf der einen Seite Kulturgüter, für die uns andere beneiden, und gleichzeitig sind wir für Dinge verantwortlich, aus denen wir lernen müssen. Der Blick zurück ist deshalb nicht immer einfach für uns und gleichsam sehr wichtig. Ich sehe aber gerade da eine große Chance bei der Ausrichtung eines gemeinsamen Europa. Wir haben in Europa eine Fülle von Gemeinsamkeiten, allen voran unsere gemeinsamen Werte. Über diese gemeinsamen Werte können wir wieder historisches Selbstbewusstsein entwickeln – frei von Nationalismus.

Macht sich da etwas Kulturpessimismus breit?
Nein, ich bin ausdrücklich kein Kulturpessimist. Wir sind momentan geschichtlich in einer spannenden Zeit. Unsere Götter sind konsumbestimmt und die Märkte relativ gesättigt. Jetzt wäre eigentlich genau der richtige Zeitpunkt, sich der gemeinsamen Werte bewusst zu werden, und ich habe Hoffnung, dass wir da auf einem guten Weg sind. Wir müssen den Wissenshorizont wieder öffnen, Neugier schüren …

(Herr Karl Weber ist seit 1. Februar 2018 im Ruhestand)

Vorheriger Teil der Artikelserie:
Ich bin kein Schlossherr - Interview mit Karl Weber (Teil 1)

Nächster Teil der Artikelserie:
Ich bin kein Schlossherr - Interview mit Karl Weber (Teil 3)

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Veröffentlicht am 01.02.2018

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