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GeschichtenInterview

Die Abteilungsleiterin der Restaurierungswerkstätten Kassel über die Praxis der Restaurierung

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Die Akzeptanz des Imperfekten - Interview mit Anne Harmssen (Teil 2)

Geben Sie uns ein Beispiel?
Wir haben hier ein sehr großes, fast 400 Jahre altes Gemälde von Jacob Jordaens, welches wir im Moment untersuchen um feststellen zu können, ob es restaurierbar ist. Das Gemälde ist fast 4 Meter breit und hat neben einer komplexen Maltechnik eine wirklich spannende Entwicklungsgeschichte. Der Künstler hat das Bild innerhalb von circa 25 Jahren mindestens viermal umgearbeitet, also immer wieder Leinwand angenäht und weitergemalt. Auf dem Gemälde ist also neben den weitergeführten Inhalten des Künstlers auch seine Entwicklung als Maler zu sehen. Das Bild hat im Laufe der Jahrhunderte sehr viele Schäden genommen, wurde oft restauriert, und das war leider dem Werk nicht immer zuträglich. Wir müssen jetzt unter den vielen Schichten von teilweise großflächigen, späteren Übermalungen das Original suchen und feststellen, wieviel originale Malerei und in welchem Zustand vorhanden ist, um dann entscheiden zu können, wie groß das Risiko einer Restaurierung dieses großformatigen Werkes ist.

Wie geht man an eine solche Arbeit heran?
Bevor wir an ein solches Gemälde Hand anlegen, wird es mit unterschiedlichsten Lichtquellen im Nah- und Mikrobereich betrachtet, es wird geröntgt und auch mittels Infrarotreflektografie untersucht um herauszufinden welche Veränderungen der Künstler beim Malen selbst vorgenommen hat und welche von späterer Hand hinzugefügt worden sind. Gerade bei diesem Bild liest sich die Werkgenese wie ein spannender Krimi. Wenn Jacob Jordaens wüsste, was wir hier über sein Gemälde alles herausgefunden haben …

Wäre es nicht mal an der Zeit und interessant, genau solche Erkenntnisse in einer Ausstellung zu präsentieren?
Ach, davon träume ich schon lange. Momentan haben wir hier allerdings alle Hände voll zu tun mit anderen Dingen. Die Löwenburg soll anläßlich der baulichen Instandsetzung in diesem Jahr beräumt werden, Ausstellungen sind geplant und die documenta 14 wirft ihre Schatten voraus. Dafür werden wir zum Beispiel die Kunstwerke aus der gesamten Neue Galerie beräumen, um der documenta 14 Ausstellungsfläche zu bieten. Gleichzeitig ist es aber gerade diese Abwechslung, die den Beruf so interessant macht.

Sie sagten eben, dass es bei diesem Gemälde von Jacob Jordaens Restaurierungen gab, die dem Bild nicht zuträglich waren. Finden Sie das oft?
In den Restaurierungen der letzten Jahrhunderte spiegeln sich oft Zeitgeist und eigene Ästhetik der Restauratoren wider, was heutzutage ein echtes No-Go wäre. Man muss allerdings auch bedenken, dass sich der Beruf vom sogenannten Maler-Restaurator erst im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts langsam hin zum akademisch ausgebildeten Restaurator entwickelt hat. Das Studium der Restaurierung hat sich dann zu Beginn der 1960er-Jahre im Bereich Gemälde und in den 80er Jahren auf anderen Fachgebieten etabliert. Vorher waren es eben oft Maler oder Handwerker, die die Kunstwerke gepflegt haben, dabei hat sich die Auffassung, was Restaurieren heißt, stetig gewandelt und mündete schließlich 1989 in einem Code of Ethics, in welchem die Grundhaltung restauratorischen Handelns festgehalten wird. Die Restaurierung ist eine Maßnahme, die Ausnahmecharakter behalten sollte. Heute handeln die Restauratoren eher nach dem Motto: Weniger ist mehr! Aus den Fehlern der Vergangenheit wurde gelernt und neue Methoden und Materialien werden in einer zurückhaltenden Restaurierungsmaßnahme angewandt. Man muss immer das Werk des Künstlers verstehen, und das geht weit darüber hinaus, seine Maltechnik zu untersuchen. Heute würde niemand mehr auf den Gedanken kommen, ein Gemälde ästhetisch oder zeitgeistig zu verändern. So manches ist in der Vergangenheit von Restauratoren auch einfach falsch interpretiert worden, weil diese beispielsweise den Bildinhalt nicht richtig verstanden und interpretierende Retuschen gesetzt haben, die wiederum zu Fehlinterpretationen auf Seiten der Kunsthistoriker führte.

Ach …
Deshalb arbeiten wir hier bei uns sehr eng mit Kunstwissenschaftlern zusammen. Wir als Restauratoren haben die Möglichkeit, in die Werkgenese eines Kunstwerkes zu schauen, und erfahren dabei Dinge, die dem Kunstwissenschaftler von großer Bedeutung sein können. Der Kunstwissenschaftler wiederum hat den historischen Kontext im Blick und kann mit seinem Wissen unsere Arbeit unterstützen. Das Bewusstsein für eine solche Zusammenarbeit hat sich allerdings auch erst in den letzten 15 Jahren entwickelt und ich bin sehr froh, dass es auf diesem Gebiet bei uns hier in Kassel eine ganz wundervolle Zusammenarbeit gibt.

Betrachtet man das, kann man kaum glauben, dass der Beruf des Restaurators immer noch nicht geschützt ist.
Ja, das ist richtig,- seit mehreren Jahrzehnten versucht der deutsche Restauratorenverband (VDR-Verband der Restauratoren) den Berufsschutz auf den Weg zu bringen. Erst zwei Bundesländer haben den Berufstitelschutz bereits durchgesetzt, hier bei uns in Hessen konnte man sich leider noch nicht dazu durchringen. Im Moment kann sich jeder Restaurator nennen, der sich dazu berufen fühlt. Das Studium der Restaurierung ist der beste Weg, diesen Beruf professionell anzugehen. Es gibt für fast alle Fachbereiche sehr gute Studiengänge mit umfassenden Lehrinhalten, aber der Praxisbezug fehlt dort oft. Wir bieten hier bei uns Volontariate an, die den Studenten während oder auch nach dem abgeschlossenen Studium Erfahrungen in der Praxis sammeln lassen, denn um ein guter Restaurator zu werden, reicht es eben nicht nur ein sechsmonatiges Praktikum zu machen.

Vorheriger Teil der Artikelserie:
Die Akzeptanz des Imperfekten - Interview mit Anne Harmssen (Teil 1)

Bildgalerie


Veröffentlicht am 19.07.2018

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