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Die Wand als Spezialgebiet - Schloss Wilhelmsthal, Museumslandschaft Hessen Kassel (Teil 1)

Die Vorhänge sind schwarz und aus dickem Stoff. Vor jedem der beiden Fenster hängt einer, es dringt kaum Licht in den Raum. Blaue Tapeten hängen an den Wänden. „So schützen wir das Material vor Sonnenschäden“, sagt Kadri Kallaste. Sie streicht mit einer Hand über die dunkle Wand des Zimmers im obersten Stock des Schlosses Wilhelmsthal bei Calden in Hessen. Nur wenige Besucher kommen hier nach oben, die Räume gehören nicht zum öffentlich zugänglichen Teil des Schlosses; das macht sie aber nicht weniger bedeutend. Tapeten sind Kallastes Spezialgebiet, sie ist Restauratorin, spezialisiert auf Papier. Im Studium hat sie sich noch mit allen Sorten des Materials beschäftigt. Nun aber bestimmen Tapeten ihren Alltag. Warum? Ihr Interesse, sagt sie, galt schon immer historischen Räumen. Es liegt nahe, sich dann auch mit dem zu beschäftigen, was an den Wänden klebt. Also Tapeten.

Kadri Kallaste stammt aus Estland, genauer aus Tallinn. Dort hat sie auch studiert. Heute lebt sie in Kassel und arbeitet dort im Deutschen Tapetenmuseum, für das gerade ein Neubau vorbereitet wird. Von dem Museum in Kassel aus kümmern sie sich auch um die Tapeten in Wilhelmsthal, Tapeten, wie sie auch in der neu geplanten Ausstellung im Tapetenmuseum zu finden sein werden; sie konzipiert die Kunsthistorikerin und Leiterin des Deutschen Tapetenmuseums Dr. Astrid Wegener. Die Tapetenrestauratorin Kadri Kallaste hingegen restauriert die für die neue Dauerausstellung ausgewählten Stücke in ihrer Werkstatt in Kassel – oder sie kümmert sich um die Bestände vor Ort in Wilhelmsthal. Viele Restauratoren gibt es nicht, die sich auf Tapeten spezialisiert haben. Kallaste gehört einer seltenen Gattung an, und hier auf Wilhelmsthal ist sie ganz in ihrem Element. Steht sie vor einer Tapete, versucht sie ihre Geschichte zu ergründen. Von wann ist sie? Wie wurde sie hergestellt? Hat schon einmal jemand etwas restauriert? In jedem Zimmer sind die Tapeten anders, nicht nur der Zustand, sondern: Blumen auf dunklem Grund, auf hellerem Grund, chinesische Tapeten erzählen vom Landleben in Fernost. Bäuerliches Leben, Feste, Landschaften. Alle Tapeten im Schloss sind sehr alt, sie stammen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. „Hier ist alles Handarbeit“, sagt Kallaste. Sie sind ein Spiegel der Handwerkskunst jener Zeit, in der sie geschaffen wurden. Viele der Tapeten in Schloss Wilhelmsthal sind gedruckt, einige auch mit der Hand bemalt, wie etwa die chinesischen. Sie stammen aus dem 18. Jahrhundert, andere aus der Zeit des Biedermeier, der Epoche, die von 1815 bis 1848 andauerte. Erst danach wurde die Mehrzahl von Tapeten nicht mehr von Hand, sondern in maschinellen Druckverfahren hergestellt.

„Wir vermuten, dass die Räume hier oben die des Hofsekretärs waren, andere waren Gästeräume für Hofdamen“, erklärt Kallaste. Aber: Genau wisse man das heute nicht mehr. Aufzeichnungen darüber, wie welches Zimmer genutzt worden ist, gibt es keine. Aber es gibt die Tapeten. Sie geben wenigstens einen kleinen Einblick in die Historie.
Die Räume wirken heute, als lägen sie schon immer etwas abseits der ausgetretenen Pfade, die durch das Schloss führen. Erreicht man den ersten Stock noch über eine breite Steintreppe durch einen mit Goldstuck verzierten Flur, sind die Zimmer hier oben über eine Holztreppe zu erreichen. Sie knarzt und knackt bei jedem Schritt. Bevor Kallaste wieder über die Holztreppe nach unten führt, verdunkelt sie schnell alle Fenster. Kein Sonnenstrahl soll herein dringen.
Am Fuß dieser Treppe liegen die Räume, die für die gehobene Gesellschaft von Schloss Wilhelmsthal reserviert waren. Und natürlich die für deren Personal. Diese Räume sind klar zu erkennen. Sie sind kleiner. Eines dieser Räume hat grüne Tapeten an den Wänden, Fenster gibt es nicht, dafür aber geheime Durchgänge zu den Zimmern der Herrschaften. „Das hier nennen wir das Gift-Zimmer“, sagt Kadri Kallaste. Wegen des Arsens in der Tapete, und weil die Angestellten, die hier gelebt haben, der Legende nach nicht besonders alt geworden sind. Lange war das üblich, man wusste nicht, dass Arsen giftig ist und der Stoff sorgte für eine leuchtend grüne Farbe. Es sind diese kleinen Details, die Kadri Kallaste an den Tapeten faszinieren.

Nächster Teil der Artikelserie:
Folgt in Kürze.

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Veröffentlicht am 09.11.2018

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